Die rund um die Uhr und rund ums Jahr geöffnete Rewe-Nahkauf-Box schwebt in einer Hängepartie

Digitaler Kleinstsupermarkt in Pettstadt: Berlin und Walsdorf werden entscheiden

20.12.2022
Die im April eröffnete “Josefs Nahkauf-Box” in Pettstadt ist immer noch ein Wackelkandidat: Sonntagsöffnung per Sonderregelung.
Foto: Werner Baier
von Werner Baier

Pettstadt. Ist “Josefs Nahkauf Box” acht Monate nach der Eröffnung endlich aus dem Schneider? Nein, der ganzjährig rund um die Uhr geöffnete Dorfladen an der Ohmstraße in Pettstadt wartet auf das “Go” aus Berlin! Und auf ein Wunder in Walsdorf!

Ohne Sonntagsverkauf keine Zukunft

Der Mitinhaber des Nahkauf-Marktes in Walsdorf, Thomas Scheuring, antwortet auf die Frage des “Bamberger Zwiebeltreter” nach seiner Zufriedenheit mit der Entwicklung des Ablegers in Pettstadt ein wenig stereotyp: “Welcher Kaufmann kann in dieser Zeit schon zufrieden sein?” Und er fügt hinzu: “Wenn wir sonntags die Nahkauf-Box nicht öffnen dürfen, rentiert sich der Betrieb nicht!” Am Sonntag erziele der Laden den doppelten Umsatz wie im Durchschnitt an Werktagen: Die einen nutzen den Feiertag richtig zum Wocheneinkauf von Lebensmitteln; die anderen haben den Kloßteig vergessen und greifen zu. Wieder andere haben überraschend Besuch bekommen, brauchen schnell noch ein paar Tiefkühlpizzen. Sie nehmen gleich noch Brot, Butter und was zum Naschen mit. Und wie man oft genug montags sehen kann: Das “Grünfutter” geht übers Wochenende weg wie warme Semmeln.

Jetzt mit Rezeptbriefkasten

Zur Einkaufsbox kam neuerdings ein Apothekenbriefkasten hinzu.

Der “digitale Kleinstsupermarkt”, wie das Selbstbedienungslädchen amtlich eingestuft wird, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Für Pettstadt, wo vor einigen Jahren der zentral gelegene Nahkauf-Markt aus Altersgründen der Inhaberfamilie Reinwald geschlossen wurde, ist die Einkaufsquelle am Ortsrand ein Segen. Und nun hat auch noch eine Apothekenkette aus Strullendorf gleich daneben einen Rezeptbriefkasten aufgestellt. Immerhin gibt es in Pettstadt zwei praktizierenden Allgemeinmediziner, aber keine Apotheke mehr. Wer Medikamente verordnet bekommt, kann sein Rezept in den Briefkasten einwerfen und wird ein paar Stunden später zu Hause beliefert. Was für ein Fortschritt!, freuen sich die Bewohner der 2000-Einwohner-Gemeinde.

900 Artikel auf 30 Quadratmetern

Über 900 Artikel des täglichen Bedarfs sind in der Einkaufsbox wohlfeil. Archivfotos: Werner Baier

Als das Selbstbedienungslädchen (900 Artikel auf 30 Quadratmetern Grundfläche) im April eröffnet wurde, hieß es: 24 Stunden/365 Tage. Aber schon am ersten Wochenende wurden die Pächter der bundesweit ersten Rewe-Nahkauf-Box eingebremst: Sonntags musste gemäß dem Bayerischen Ladenschlussgesetz gleich wieder geschlossen werden. Doch nur vorübergehend: Die intensive Suche nach der Gesetzeslücke, an der sich auch das wohlwollend gestimmte Landratsamt beteiligte, war erfolgreich: Pettstadts Bürgermeister Jochen Hack durfte eine Sondererlaubnis erteilen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Aber das ist bis heute eine Hängepartie geblieben. Thomas Scheuring wartet darauf, dass der Bundestag oder das zuständige Wirtschaftsministerium offiziell das allgemeine Sonntags-Verkaufsverbot schleifen, zumindest für Einkaufsmärkte, die ohne Ladenpersonal auskommen. Tatsächlich taucht in Josefs Nahkauf-Box zwischen Samstagnacht und Montagfrüh kein Personal auf. Es wird nicht nachgefüllt, auch wenn die Gurkenkiste leer und weiterer Bedarf zu vermuten ist. Scheuring ist bange: “Wenn die Sondererlaubnis zum Sonntagsverkauf nicht verlängert wird, schaut es düster um die Zukunft der Einkaufsbox aus!”

Die Grünen hatten zu mäkeln

Die Inhaber ließen keine Gelegenheit aus, für ihr Projekt um Akzeptanz unter den Politikern zu werben. Inzwischen, so Scheuring, seien Delegationen und Parlamentarier aller staatstragenden Parteien vor Ort gewesen. Alle hätten sich an dem System begeistert und Unterstützung zugesagt.  Zu mäkeln hätten nur die Grünen gehabt, weil sie sofort das Fehlen einer Solaranlage auf dem Dach bemerkten. Aber da bat Scheuring um Verständnis: Bei der Nahkauf-Box handelt es sich um ein Pilotprojekt des Rewe-Konzerns. Hier gehe es erst mal um andere Kriterien als um ein paar Quadratmeter Photovoltaik und grüne Energie. Und dann hätte die grüne Abordnung auch das geringe Angebot ausdrücklich veganer Lebensmittel kritisiert. Scheuring dazu: “Wir handeln hier mit Artikeln der Grundversorgung; das ohnehin begrenzte Warensortiment kann nicht alle Bedürfnisse abdecken.”

Statt Zigaretten Heißgetränke?

Scheuring überlegt, den in der Box vorhandenen Zigarettenautomaten durch einen Automaten für Kaffee und andere Heißgetränke zu ersetzen. Noch lieber wäre ihm allerdings ein Okay der Rewe-Organisation, gleich nebenan einen Container-Backshop mit kleiner Kaffeebar aufzustellen.

Ladendiebstahl kein Thema

Diese Jungs kamen aus Erlangen nach Pettstadt, um mitten in der Nacht einzukaufen.

Gab es auch unangenehme Erlebnisse im Betrieb der Nahkauf-Box? Scheuring räumt ein, dass sich ein paar Mal in tiefer Nacht junge Menschen auf dem Parkplatz versammelten und ihren Einkauf zu lauter Musik aus dem Fahrzeuglautsprechern verzehrten. “Nach Klagen einzelner Nachbarn bin ich schnell hingefahren und hab die Jungen zur Vernunft gebracht. Das ging ganz unaufgeregt,” berichtete Scheuring dem “Bamberger Zwiebeltreter”. Am ärgerlichsten war für ihn die Entwendung der sechs hochwertigen Einkaufskörbe aus der Grundausstattung. Wenn die letzten drei auch gar stibitzt werden, wolle er keine Körbe mehr bereitstellen. Apropos Diebstahl: Ladendiebstahl spiele in dem Lädchen so gut wie keine Rolle, versichert der Mitinhaber des Geschäfts. Da schrecke die unübersehbare Überwachsanlage ab und wohl auch das Einscannen der persönlichen Scheckkarte beim Zutritt.

Was macht Walsdorf?

Nicht zu vergessen: Die Zukunft der Nahkauf-Box in Pettstadt hängt auch von einer Entwicklung in Walsdorf ab: Dort droht die Gefahr für den Rewe-Stammladen durch das Ziel des Bürgermeisters und Gemeinderats, in einem neuen Gewerbegebiet eine Netto-Filiale anzusiedeln. Mit einer solchen Konkurrenz kann es für Scheuring und seinen Compagnon Josef Siers uninteressant werden, den Rewe-Laden weiter zu pachten, bzw. zu übernehmen (und die Filiale Pettstadt mitzuversorgen). Mittlerweile hat jedoch ein Sturmlauf der Walsdorfer gegen das Vorhaben eingesetzt.

Per Bürgerentscheid gegen Netto

Demnächst wolle eine Bürgerinitiative die Unterschriften für ein Bürgerbegehren im Rathaus abliefern, erfuhr der “Bamberger Zwiebeltreter” vom Rewe-Händler. Es seien mehr als doppelt so viele Unterschriften gesammelt worden als für das Bürgerbegehren erforderlich wären. Ziel ist es, per Bürgerentscheid dem Gemeinderat zu untersagen, in dem durchaus akzeptierten neuen Gewerbegebiet einen Lebensmitteldiscounter zuzulassen. Dafür drückt man auch in Pettstadt die Daumen.

 

Fotos: 
Werner Baier
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